K^Rar / 3. Kapitel In der Tiefe

„Still, wir sind nicht allein!“ Vorsichtig blickt sich der schwer gerüstete Hüne um und geht schließlich in die Hocke, die anderen tun es ihm gleich. Seine grauen Haare werden von dem eisigen Wind erfasst und gewähren einen flüchtigen Blick auf seine von Narben übersäte, ledrige Haut. Langsam legt er seine rechte Hand auf den warmen steinernen Untergrund, um sie dann dort ruhen zu lassen. Bis auf die wabernden Schatten die von den vielen Fackeln auf die umliegenden Felswände geworfen werden, ist keine Bewegung mehr zu erkennen. Eine unbeschreibliche Ruhe kehrt ein, als sich alle für einen Moment dazu zwingen, sich weder zu rühren noch zu atmen. Nur das leise knistern der Fackeln wird noch durch die Luft getragen. Die Anspannung ist zum greifen und der Moment wird zu einer gefühlten Ewigkeit. „Ich spüre etwas, sie müssen ganz in der Nähe sein. Wir müssen weiter in diese Richtung.“  Das Unbehagen der Männer scheint nun einen neuen Punkt erreicht zu haben. „Wie weit sollen wir noch vordringen?“ Lässt nun einer von ihnen mit leiser und zitternder Stimme verlauten. „So weit es nötig ist!“ Entgegnet ihm der Anführer knapp. „Weiter jetzt!“ Bedächtig und bei jedem Schritt penibel darauf achtend, keinen unnötigen Lärm zu verursachen, setzt sich der Trupp wieder in Bewegung.

Staub wird aufgewirbelt, der schon seit Jahrhunderten hier unten liegt. Die Berge heißen den Stahl der Schwerter und Rüstungen Willkommen, welches von den Körpern der Menschen wieder zu ihnen zurück getragen wird.

Der Wind der sich durch die Tunnel zwängt, trägt verstörende Töne an die Krieger heran. Ein seltsames knirschen wird über die Luft übertragen und ist spürbar in Mark und Bein. Das klirren vom Metal hallt um ein vielfaches verstärkt von den Wänden wieder und bringt die Ohren der Männer zum Schmerzen während sie weiter in die Tiefe marschieren. Nach einigen hundert Schritten verändert sich die Luft, in dem immer enger werdenden Tunneln. Es wird wärmer und stickiger, die Männer beginnen schwerer zu atmen und der Schweiß durchtränkt ihre Unterkleider. Durch die Risse in dem Gestein dringt mit jedem Meter den sie weiter vorankommen mehr Wasser in den Tunnel und bildet kleine Rinnsale, die sich ihren Weg durch das massive Gestein graben.

Unaufhörlich hat der Zahn der Zeit, in form der kleinen Rinnsale, an dem Felsen genagt. Eine Bandage, die einer der Krieger unbedarft in einen von ihnen geworfen hat, schwimmt nun langsam in der Tiefe der Dunkelheit davon. An einem Riss in der Wand verharrt sie einen Augenblick lang, bevor sie schließlich, nachdem sich das Wasser vor ihr zu einem kleinen Wall aufgetürmt hat, in dem Riss verschwindet. Langsam wird sie von dem Wasser durch den Fels gepresst. Einige Stunden dauert es bevor sie der Fels wieder freigibt. Ausgewaschen und ausgefranzt schwimmt sie nun etliche Schritte tiefer auf einem der Rinnsale, die sich wie kleine Adern durch den Berg winden.

Zu Füßen einer deformierten kleinen Gestalt kommt sie zum Ruhen. Der Blick des seltsamen Gestalt fällt auf die weiß-braune Bandage, welche in der Dunkelheit kaum zu erkennen ist. Unvermittelt hebt sie sie mit seinen verkümmerten Fingern auf und betastet das seltsam anmutende Material. Als sie es in den Händen hält kann sie den schwachen Duft von Blut vernehmen. Fest umschließt sie den Stoff und verschwindet in der schützenden Dunkelheit der Stollen.

Unterdessen dringt der Trupp immer weiter in das Stollensystem vor. An unzähligen Kreuzungen sind sie schon vorbeigekommen, seitdem sie das letzte mal eine Rast eingelegt haben. Unmut und Erschöpfung machen sich unter den Männern breit. Immer hitziger werden die Diskussionen und die gegenseitigen Provokationen hitzen die Gemüter noch zusätzlich auf.  „Wir werden hier Rasten“ Beschließt der Hüne. In einer knapp 50 Schritt Weiten und 20 Schritt hohen Kaverne ist der Anführer nun zum stehen gekommen. Ihnen noch immer den Rücken zugewandt gibt er die Befehle, Wachen aufzustellen und einen Kundschafter in die vor ihnen liegenden Gänge zu entsenden. Die Wahl ist auf einen der Jüngsten gefallen. „Falk ist ein guter Läufer!“  Ruft einer aus dem Gefolge.  „Wie alt bist du?“ Fragt er ihn, ohne ihn dabei anzuschauen. „15 Umläufe Sir!“ „Möge Beros über dich wachen und dir auch noch einen 16. Lauf bescheren. Geh voran bis du uns nicht mehr hören kannst und dann nochmal soweit. Solltest du irgendetwas sehen, komm sofort zurück und berichte uns davon, unser aller Leben hängt davon ab, hast du verstanden? Nimm diese Kreide und eine Fackel mit und lass sie nicht erlöschen, ohne sie wirst du dich in den tiefen der Stollen verirren.

Fest Umschließt Falk die Fackel mit seinen Fingern. Das Feuer sollte ihn sicher durch die Dunkelheit führen. Mit jedem Schritt, mit dem er weiter in die Schwärze vordringt verstärkt sich sein Herzschlag. Schweiß perlt in großen Tropfen von seiner Stirn ab als er in völliger Finsternis nur von seiner Fackel begleitet in einem der unzähligen Stollen steht. Immer wieder markiert er die Wände um sich nicht zu verlaufen. Das Silber, welches in den Wänden eingeschlossen ist wirft einen leichten Glanz in die offenen Stollen vor ihm voraus. Die Schatten die seine Fackel wirft, tanzen durch die Gänge und lassen grotesk anmutende Bilder an den Wänden entstehen. Das Gestein wird immer wärmer. An manchen Stellen steigt Dampf aus den Spalten im Gestein am Boden empor. Schwefel und andere Gase erfüllen die Luft und reizen Falks Lunge. Seit einigen Tagen schon plagt die Männer ein schlimmer Husten und Atemnot. Er ist sich sicher, dass es von dem seltsamen Rauch kommt, der stehts in der Luft hängt.

Das Provisorische Lager, welches die Männer derweil errichtet haben bietet wenig Kampfort. Nur ein paar eilig herbei geschleppte Steine bieten eine Sitzgelegenheit an dem kleinen Feuer, auf welchem das Abendmahl zubereitet wird. „Das Essen geht langsam zur neige!“ Bemerkt einer der Männer als er sich einen Überblick über die noch vorhandenen Rationen macht. Seine Miene verfinstert sich während er zu dem Anführer hinübergeht um ihn auf das Problem aufmerksam zu machen. „Sir, wir haben kaum noch Wasser und auch die Rationen werden knapp.  Wir haben gerade noch genug um wieder zurück zur Oberfläche zu gelangen.“ Der eiserne Blick des Anführers fixiert sein Gegenüber „Wir werden nicht umkehren, wir werden in den Berg vordringen und die Tafeln finden. oder dabei sterben. Zuviel hängt davon ab sie zu finden als dass wir einfach wieder umkehren könnten. Wir brauchen sie! Ich brauche sie!“ Gefährlich blitzen seine grünen Augen aus der Dunkelheit hervor und der Soldat kehrt wieder zu seinen Kameraden zurück. Der alte Krieger wird gleichermaßen verehrt wie gefürchtet und so ist sein Wort Gesetz. Keiner aus dem Trupp hätte den Schneid sich ihm gegenüber zu stellen und seine Befehle in frage zu stellen. Tiefe Falten durchziehen das Gesicht des Hünen, während er auf einem der kargen Felsen hockt und grübelt. Völlig in sich gekehrt verbringt er dort einige Zeit. „Die Rationen werden ab Morgen halbiert. Der Marsch kann noch einige Tage andauern. Kommt nicht auf die Idee euren Durst an dem Wasser aus den spalten zu stillen. es ist giftig. Jeder der umkehren will, der soll jetzt gehen. Ich habe mih dazu entschlossen euch freie Wahl zu lassen!“ Aus seiner ledernen Gürteltasche holt er nun eine Hand voll  kleiner Pyramidenförmiger Steine hervor und präsentiert sie den Männern. Nach einer kleinen Weile treten zwei der Männer vor und greifen sich jeweils einen der Steine. Mit gesenktem Kopf verlassen sie das Lager in die Richtung aus der sie kamen. „Bleibt es bei den beiden oder verspürt noch jemand den Wunsch wieder zurück zu seiner Familie zu kehren?“ Die Männer schweigen und gehen wieder zurück auf ihre Plätze. Sorgfältig inspiziert der gefürchtete Krieger seine Ausrüstung. Während die meisten der Männer schon schlafen, ölt er die Gelenke von seiner Rüstung. Er hat sich ein Stück Stoff aus seinem Unterhemd gerissen um damit die einzelnen Glieder zu polieren und auf Hochglanz zu bringen. Sorgsam breitet er danach seine Rüstung vor sich aus, um sie ein letztes mal zu begutachten. In den engen Stollen ist sie in den letzten Tagen zunehmend zu einer Last geworden. Auf seinem weiteren Weg würde er keine Rüstung mehr brauchen.

„Hier unten verliert man das Gefühl für die Zeit!“ hatte ihm einmal einer der alten Minenarbeiter gesagt. „Seine Sinne seien hier unten ständig aktiv und Jede Spalte habe er im Auge.“ Hatte er gesagt. Diese Worte klingen heute deutlicher als damals zu ihm durch. Halb wach halb schlafend, hockt er für den Rest der Nacht oder des Tages am Feuer und horcht in die Tunnel hinein. Bis auf die Wachen ist der Rest seiner Männer derweil schon in einen tiefen und festen Schlaf gefallen.

Falks Atem ist schwer geworden, ein seltsamer Druck klemmt ihm bei jedem Zug nach Luft die Brust zu. Immer wieder sammeln sich seltsame kleine Partikel in seinem Mund. Mit einem  husten würgt er sie aus seiner Lunge heraus. Zu dem Druck gesellt sich nach einiger Zeit auch ein seltsames Stechen. Er beschließt etwas weiter in den Tunnel vorzudringen, vielleicht wäre die Luft ein Stück weiter wieder besser. Nach zwei weiteren Abzweigungen kann er einen Gang erkennen, der anscheinen weniger von dem dichten Rauch durchdrungen ist. Frischer Wind schlägt ihm entgegen als er in ihn hinein geht. Tief füllt er seine Lunge mit der erfrischenden Luft. Einen Augenblick lang meint er den Duft von frischem Laub vernehmen zu können. Schlagartig schlägt der Wind um und ein immenser Sog entsteht, der die Fackel fast zum erlöschen bringt. Sofort wird ihm die Gefahr seiner Lage bewusst und er läuft wieder zurück in den Gang aus dem er gekommen war. Beinahe wäre seine Fackel erloschen. Für immer in der Dunkelheit verloren. Ohne seine Markierungen würde er den weg nie wieder zurück finden.

 

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